Enno Eilts: Die Weiterwälzung von Kartellschäden – ökonomische Erwägungen

Die Weiterwälzung kartellbedingter Kostenerhöhungen an nachgelagerte Marktstufen (Pass-on) ist ein zentrales Thema in nahezu allen Schadensersatzforderungen in der EU. Wo die Schadensweiterwälzung eine zulässige Verteidigung ist, bedeutet eine vollständige Weiterwälzung, dass direkte Abnehmer eines Kartells keinen Schaden durch etwaig überhöhte Preise erlitten und somit keinen Anspruch auf Schadensersatz haben.

Dieser Artikel befasst sich mit zwei Aspekten der Schadensweiterwälzung. Zunächst fasst er die zentralen ökonomischen Erkenntnisse zusammen und stellt diese anschließend in Zusammenhang mit wichtigen Themen aus der Geschäftspraxis: die Kosten-Plus-Preisbildung und die Rolle von Preispunkten.

Schadensweiterwälzung – ökonomische Erkenntnisse

Die ökonomische Theorie liefert aufschlussreiche Erkenntnisse bezüglich der Weiterwälzung kartellbedingter Kostenerhöhungen.

An einem Ende des Spektrums steht die vollständige Schadensweiterwälzung, bei der Kostenerhöhungen durch ein vorgelagertes Kartell in vollem Umfang als Preiserhöhung an nachgelagerte Marktstufen weitergegeben werden. Dies bedeutet, dass eine Steigerung der Kosten um einen Euro in eine Steigerung des Verkaufspreises um ebenfalls einen Euro resultiert.

Eine vollständige Schadensweiterwälzung ist in Märkten zu erwarten, in denen ein intensiver Wettbewerb herrscht. Dies beruht auf der Erkenntnis, dass Unternehmen bei starkem Wettbewerb nur eine geringe Marge erwirtschaften und ihre Preise daher in engem Zusammenhang mit den Kosten stehen. Dementsprechend führen Kostenänderungen, die alle Marktteilnehmer betreffen, zu Preisänderungen – und zwar im gleichen Maßstab. Zinssätze von Hypothekendarlehen sind beispielsweise oft an einen Referenzzinssatz gekoppelt. Ändert sich der Referenzzinssatz, so ändert sich auch der Darlehenssatz.

Am anderen Ende des Spektrums steht die vollständige Absorbierung, bei der kartellbedingte Kostenerhöhungen in vollem Umfang vom Geschädigten aufgefangen werden. Dieses Ergebnis ist in Märkten zu erwarten, in denen nicht alle in Wettbewerb miteinander stehenden Unternehmen dem Kartell gleichermaßen betroffen sind. Ein europäisches Unternehmen, das von einem Kartell betroffen ist, könnte beispielsweise etwaige kartellbedingte Preiserhöhungen, von denen chinesische Wettbewerber nicht betroffen sind, nicht weitergeben, da es ansonsten nicht mehr wettbewerbsfähig wäre.

Ähnliches kann eintreten, wenn die Preise in den des Kartells nachgelagerten Märkten von Regulierungsbehörden festgelegt werden und an einen Inflationsindex gekoppelt sind. Beispiele hierfür lassen sich oft in Netzwerkindustrien wie Bahn, Energie oder Telekommunikation finden. In diesem Fall fänden Preisänderungen im operativen Geschäft wie Erhöhungen der Kosten oft keine Berücksichtigung.

Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich die partielle Weiterwälzung von kartellbedingten Kostensteigerungen. Dies trifft auf Unternehmen zu, die über eine gewisse Marktmacht verfügen. Ein profitmaximierender Monopolist wird Kostensteigerungen beispielsweise zu 50% weitergeben. Die partielle Weiterwälzung von Kostensteigerungen für Unternehmen mit Marktmacht ergibt sich aus der Abwägung zwischen einer Maximierung der Marge (durch eine Preiserhöhung) und der Minimierung des Umsatzverlusts (durch die Reaktion der Käufer).

Ob ein Unternehmen alle Kostensteigerungen absorbiert oder sie ganz oder teilweise an nachgelagerte Marktstufen weiterwälzt, hängt also von der Wettbewerbsintensität in dem jeweiligen Markt ab.

Schadensweiterwälzung – Praxis

Zusätzlich zu ökonomischen Erkenntnissen spielen praktische Erwägungen eine wichtige Rolle beim Bemessen der Schadensweiterwälzung. Ein Beispiel stellen mechanistische Preisbildungsregeln dar, bei denen Zwischenhändler den Verkaufspreis durch den Aufschlag einer konstanten Marge bestimmen.

Ein Zwischenhändler kann beispielsweise ein Produkt für € 8 kaufen, 25 % aufschlagen und für € 10 verkaufen. Steigen die Kosten auf € 9, steigt bei einem konstanten Aufschlag von 25 % der Verkaufspreise auf € 11,25. Bei einer solchen Preisbildung würden also alle Kostensteigerungen weitergegeben werden. Um genau zu sein, würden sogar mehr als 100 % der Steigerungen weitergegeben, da auch seine Marge von € 2 auf € 2,25 gestiegen ist und somit ein Weitergabe von 125 % vorliegt (obwohl technisch gesehen, die Obergrenze der Schadensweiterwälzung bei 100 % liegt).

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, ob die Preisbildung – hier die Marge von 25 % – im gesamten Zeitraum, in dem das Kartell seine Preise überhöht hat, gleich geblieben ist. Im Zwischenhandel sind solche Preisbildungsregeln weit verbreitet, allerdings gibt es auch andere Regeln wie die Orientierung an Preispunkten. Zwischenhändler bevorzugen in der Regel “attraktive” Preispunkte wie € 9,95 statt € 10,05, oder, in unserem Beispiel, € 11 oder € 11,50 statt € 11,25.

Ein Beispiel hierfür sind Zeitungspreise. Die Druckausgabe der englischen Tageszeitung The Times kostet seit drei Jahren £ 1, obwohl sich die Herstellungskosten im gleichen Zeitraum stark verändert haben. Es scheint plausibel, dass Zeitungen aufgrund der Treue ihrer Leser eine gewisse Markt”macht” besitzen, da sie nicht ihre gesamte Leserschaft verlieren würden, sollten sie ihren Preis erhöhen. Dennoch bevorzugen die Produzenten, einen attraktiven Preispunkt zu nutzen, statt Änderungen der Produktionskosten eins-zu-eins weiterzugeben.

Schlusskommentare

Ökonomische Erkenntnisse stellen einen guten Ausgangspunkt für die Analyse bezüglich der Weiterwälzung von Kartellschäden dar. Ein ausgeprägtes Verständnis von praxistreuen Fakten und Zusammenhängen ist allerdings unverzichtbar, um etwaige Abweichungen von ökonomischen Erkenntnissen in Form von speziellen Preisbildungsmechanismen zu berücksichtigen.

Enno Eilts, Senior Consultant, Oxera, London.

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