Field notes: Ennui und Social Media, für oder gegen Anwälte

1.  Werden die Stimmen lauter, die Social Media kritisch sehen? Die WiWo (20. Juni 2012) sagt, die durchschnittliche Nutzungszeit von Facebook sei in den USA von 26 Minuten (2010) auf 18 Minuten (2011) zurückgegangen. In Deutschland betrage sie nur 13 Minuten. WiWo stellt die Frage, ob der Hype um Social Media vorbei ist.

Das greift Jürgen Vielmeier in Basic Thinking (21. Juni 2012) auf und sagt über Facebook:

Das Netzwerk ist zu einem Nebenbei-Medium geworden, wie das Radio oder das Fernsehen … Spannende Ereignisse finden anderswo statt.

Er haut nicht zum ersten Mal in die Kerbe, und er ist nicht der einzige. Thilo Specht (ClueTrain PR, 21. Juni 2012) fällt zu Recht her über den Kult der Echtzeit und setzt auf Entschleunigung.

Zugegeben, um die Kommunikationskultur der Unternehmen war es in vielen Fällen auch vorher nicht gut bestellt. Doch mittlerweile identifizieren immer mehr Kommunikatoren Facebook als dieses turbo boosting Social Media und werden von einschlägigen Beratern penetrant bestärkt, dort gefälligst ihre Zielgruppen zu treffen – weil, auf Facebook sind alle, nich’ wahr?

Das rasante Medium triumphiert nicht über Inhalte, sondern ist der Inhalt. Nicht schön, aber eigentlich schön beschrieben von Specht.

2.  Wie gesagt, alles nicht neu. Schon für das Jahr 2011 wurde prophezeit, dass es für Social Media das Jahr der Normalisierung wird, und als Normalisierung verstehe ich den Beitrag von Vielmeier. Merkwürdig ist aber, dass auf Kanzleien gerade in diesem Jahr ein wahres Gewitter von Pitches der Agenturen und Berater niederprasselt. Anscheinend sind andere Wirtschaftsbereiche saturiert und machen keine guten Targets mehr.

Da ist unter Juristen viel im Argen, aber das hat auch Charme, wie ein Kommentar am Wochenende gesagt hat. Ich mag mich täuschen, es wird aber den Social Media-Beratern nicht mehr so leicht gemacht, wie das mal war; es gibt Gegenwind. Zum Beispiel Sam Glover (Lawyerist, 18. Juni 2012): Nach einigen Seitenhieben gegen Consultants sagt er zur Rolle von Technik in der Juristerei:

Many lawyers seem to take it as a given that technology is changing everything about the practice of law, and fight about whether or not that is a good thing. In reality, technology isn’t changing much about how we practice law. That is, technology is changing plenty about how we do things, but not about what we actually do.

Scott H. Greenfield (Simple Justice, 20. Juni 2012) legt noch einen drauf:

You will never have a practice based on twitter, no one, but no one, will give a damn about your Klout.  Your shiny gadgets may be enjoyable, and even helpful as tools in the performance of lawyerly functions, but no client will ever throw money at you because you have an iPhone and twit incessantly.

Social Media können nützlich sein. Aus welchem Medium stammen die Zitate oben? Blogs eben. Aber sexy sind Social Media nicht mehr. Und die Spatzen pfeifen es von den Dächern, in Twitter & Co. liegt für die anwaltliche Akquise kein Gold vergraben. Vor allem aber – und das ist doch der springende Punkt – machen uns die Social Media nicht zu besseren Anwälten.

Wenn man das anders hört, muss man genau hinhören: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass da jemand am Medium etwas zu verdienen hat. Brian Tannebaum (My Law License, 2. Januar 2012) hat das vor ner Weile schön gesagt:

… blogging doesn’t make you great, it makes you a blogger. It may even make you a shitty blogger.

Lawyering doesn’t make you great – it makes you a lawyer. Great lawyering makes great lawyers.

Unless you’re selling blogs.

3.  So what’s the problem. Ein Problem haben nur die Leute, die mit kommunikationstheoretisch oder soziologisch überhöhten Weltverbesserungsthesen in Sachen Web 2.0 on record gingen und mittlerweile ziemlich alt aussehen, und/oder die Leute, die sich immer feinsinnigere Methoden ausdenken, um Facebook-Nutzer an die Produkte ihrer Auftraggeber “heranzuführen”, die also dasselbe machen wie Legionen anderer Vermarkter auch.

Also weder Sie, vermute ich, noch ich.

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