Zu Walter Eucken, “Wirtschaftsmacht und Wirtschaftsordnung”

Ich habe “Wirtschaftsmacht und Wirtschaftsordnung” weder gelesen. Aus keinem anderen Grund als dem, dass es auf dem Weg zum Zug in Sichtweite lag. Und es hat mir wieder gut gefallen. Weil es einen unkomplizierten, raschen Einstieg in die Welt des Walter Eucken ermöglicht.

Das schmale Buch versammelt fünf Vorlesungen, die Eucken 1950 an der London School of Economics gehalten hat. Die Vorlesungen sollten dem ausländischen Publikum die theoretische Nationalökonomie nahebringen und sind daher gut verständlich gehalten. Sie werden u.a. ergänzt um den Text “Monopolauflösung und Monopolkontrolle”: sieben Thesen, die Eucken 1947 als Beitrag zur Bekämpfung von Wirtschaftsmacht für die französische Militärverwaltung verfasst hat.

Nahezu die Häfte des Buches entfällt aber auf einen Essay von Walter Oswalt: “Die falschen Freunde der offenen Gesellschaft”. Dort verteidigt Oswalt die Lehre Euckens gegen die Vereinnahmung durch Ludwig Erhard und die “soziale Marktwirtschaft”. Bekannte Tatsache: Die Freiburger Schule wurde im wirtschaftspolitischen Mainstream der Nachkriegsjahre (nur) soweit rezipiert, als sie dem Wiederaufbau dienen konnte. Das kann Oswalt der Politik nicht verzeihen. Mit “jeder individuellen Idee, die durch die McDonaldisierung verschwindet, gehen … Lebensmöglichkeiten unwiederbringlich verloren” (S. 149). Der Abschnitt über den Übergang zur Selbstveranlagung im EU-Kartellrecht (S. 113 f.) – “[m]an will also Unternehmen … ihre Kartelle machen lassen” – ist besonders schief geraten.

Mich hätte die wissenschaftliche Rezeption mehr interessiert, mehr als die Tatsache, dass des Professors Freiheitstheorien – “[e]s sind also nicht die sogenannten Mißbräuche wirtschaftlicher Macht zu bekämpfen, sondern wirtschaftliche Macht selbst” – selbst in den Nachkriegsjahren nicht den Hauch einer Chance hatten. Egal, wegen dieses Essays wird das Buch niemand kaufen. Sondern wegen der Londoner Vorlesungen, in denen Eucken kurz vor seinem Tod einige Kernpunkte seiner Lehre in einfacher Sprache erklärt hat. Leichtfüssig, wie selbstverständlich kommt da die Idee daher, dass eine Marktwirtschaft, wenn sie sich selbst überlassen ist, zur “Vermachtung” neigt. Dass sie einer Wettbewerbsordnung bedarf, in der sich der Staat von Partikularinteressen freihält und seine Gesetze stimmig in einen Gesamtplan einpasst.

Das Buch ist vom Walter-Eucken-Archiv (nicht zu verwechseln mit dem Walter Eucken Institut) herausgegeben, im Lit Verlag erschienen und kostet € 17,90.

Kommentare

  1. meint

    Danke für den Lesehinweis! – Ich habe seit einigen Wochen Euckens »Grundsätze der Wirtschaftspolitik« auf dem Schreibtisch liegen, dieses Büchlein scheint mir aber der bessere Einstieg in Euckens Ansätze und Sichtweise zu sein.

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