Off topic: Peter Kruse und der “Glaubenskrieg” um’s Internet

Im Hyperland-Blog des ZDF ist ein Versuch erschienen, den “Glaubenskrieg der Digitalwelten” mit Peter Kruse zu erklären. Im Jahr 2010 gab es ein Skandälchen, als ein Artikel in der FAZ mit Kruse hart ins Gericht ging. Daher war ich neugierig, als ich im Hyperland jetzt wieder von und über Kruse las.

“Glaubenskriege” also. Das Internet, Ort der Freiheit oder rechtsfreier Raum? Kruse sagt, Schwarzweissmalerei und Polarisierung in Sachen Internet sei ein Anzeichen “für die Existenz unzureichend reflektierter Wertedifferenzen” (2010 auf der re:publica) und damit unproduktiv; dieser Vortrag aus dem Jahr 2010 ist ganz unten verlinkt. Der Beitrag im ZDF-Blog beschreibt den Gedankengang Kruses in etwa so:

Kruse setze sich von dem Begriffspaar digital natives vs. digital immigrants ab. Nach dieser (rund zehn Jahre alten) Unterscheidung von Marc Prensky sind die “Eingeborenen” mit dem Internet groß geworden und vertrauen ihm daher, während die Zuspätgeborenen von außen dazukamen und sich im Internet nicht nur immerzu daneben benehmen, sondern die Sache auch ganz falsch verstehen.

Am Alter könne man das aber nicht festmachen, sage Kruse. Damit ist er nicht der erste (hier ein anderes Beispiel), und zwar einfach deswegen, weil diese Unterscheidung empirisch nicht stimmt. Die entscheidende Frage sei vielmehr, wie man mit dem Internet umgehe. Kruse und viele andere sprechen daher nicht von natives/immigrants, sondern von den “digitalen Besuchern” (digital visitors) und den “digitalen Einwohnern” (digital residents). Bedient man sich des Internets beschränkt auf bestimmte Zwecke oder lebt man in ihm und richtet sich in ihm ein?

OK. Das hat man oft gehört und gelesen, zum Beispiel in dieser sehr schönen Präsentation von David White, Oxford. Aber unabhängig davon, ob man dem Internet wegen seines Alters freundlich gegenübersteht oder man es sich in ihm aus anderen Gründen gemütlich gemacht hat: warum denn nun die “Glaubenskriege”? Eigentlich lägen die zugrundeliegenden Wertvorstellungen der Lager nicht weit auseinander, das sei Kruses These. Dissens bestehe vielmehr darin, wie diese Werte konkret umzusetzen seien. Weiter in dem Artikel:

Konkret heißt das: “Besucher” seien solange vom Internet begeistert, wie es ihnen als Werkzeug nutzt. Formiert sich aber Widerstand und damit ein Verlust der Kontrolle z.B. über die Diskussion, werde dies als Angriff gewertet. Das Problem bringt Professor Kruse mit einer seiner bekanntesten Theorien auf den Punkt: “Das Internet lässt sich nicht kontrollieren, es entzieht sich jedem ernstgemeinten Kontrollversuch.” Dies liege zum einen an der schier endlosen Informationsmenge.

Aber selbst der simpelste Kontrollrhythmus funktioniert nicht mehr, die Zeit. Einteilungen wie “Samstagmorgen” oder “12 Uhr” hätten keine Bedeutung mehr. Der Informationsfluss im Netz hält sich an keinen Terminkalender. “Diese Unkontrollierbarkeit ist für manche Menschen eine permanente Provokation”, sagt Kruse. “Wem an einem stabilen Beziehungssystem, Dingen wie Datenschutz usw. gelegen ist, der wird im Internet nicht glücklich werden und mit heiligem Zorn dagegen angehen.”

Na ja. Jeder hat seine Art, mit der Unkontrollierbarkeit umzugehen, aber Kruses Bild des digital residents ist mir allzu wild-romantisch. Forderungen nach Datenschutz kommen in Deutschland auch aus der Mitte des Internets, der Piratenpartei. Wenn das Bedürfnis des digital visitors nach Regulierung des Internets Ausdruck seiner Angst vor dem Verlust der Kontrolle über die virtuelle Welt ist, ist dann das Bedürfnis des digital residents nach Freiheit im Internet Ausdruck seiner Angst vor dem Verlust der Kontrolle über die reale Welt?

Wem ist mit solchen Schablonen gedient. Wenn das wirklich die Begriffe sind, die Kruses Denken treiben (was ich nicht wirklich beurteilen kann, das ZDF-Blog nennt keine Fundstellen), ist mir für meine Frage oben nicht gedient. Mir ging es nach dem Lesen des Artikels wie der zweiten Gruppe der Zuhörer eines Referats Kruses, an das sich nnier so erinnert:

… an den Eindruck, dass hier jemand wahnsinnig schnell wahnsinnig viel erzählt hat, und dass sich die Zuhörerschaft hinterher teilte in diejenigen, die das alles brillant und zukunftsweisend fanden und diejenigen, die das Punktuelle, Gehetzte, Hingeworfene des Vortrags für unseriöses Blendwerk hielten.

Sehen Sie selbst:

Was das mit Kartellrecht zu tun hat? Rein gar nichts. Welcome in se Sommerloch.

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