Tim Wu, The Master Switch

Ich habe am Wochenende ein Buch fertig gelesen, das ich Ihnen dringend empfehlen möchte: Tim Wu, The Master Switch: The Rise And Fall of Information Empires. Es ist im Herbst 2010 erschienen, hat rund 380 Seiten und ist in Deutschland z.B. bei Amazon zu haben (für € 16).

Ich empfehle Ihnen das Buch nicht, weil ich die dort vertretenen Thesen für richtig halte; im Gegenteil. Aber The Master Switch ist unterhaltsam geschrieben und zwingt zum Nachdenken. Wie entstehen Monopole in der Kommunikations- und Unterhaltungsindustrie? Gibt es Lektionen aus der Geschichte dieser Industrie, die für Google, Facebook & Co. gelten können, gelten müssen, um die Informationsgesellschaft für die Zukunft offen zu halten (bzw. zu öffnen)?

Tim Wu sagt: ja. Die Vergangenheit beantworte die Fragen der Zukunft und zwinge zu drastischen Schritten. Das sei abzulesen an vielen Beispielen aus der Geschichte. Diese Beispiele sind anschaulich und kurzweilig, aber auch eine methodische Schwäche des Buches. Nicht selten muss die historisierende Bemerkung an die Stelle des Arguments treten. Solche Beispiele sammelnd blickt Wu weit zurück in das vorletzte Jahrhundert, bis in die Ursprünge der US-amerikanischen TK-Landschaft, die Entstehen und Zerschlagung von Bell/AT&T: Tim Wus Jahrhundertparadigma. Diese Faszination ist für den europäischen Leser nicht ohne Weiteres nachvollziehbar.

Um es vorweg zu sagen, Tim Wu ist Pessimist. Er baut weit gespannte, industrieprägende Zyklen, man fühlt sich an Oswald Spengler erinnert. Mit wenigen Unterschieden sollen diese Entwicklungszyklen gleichermaßen gelten für die Telekommunikations-, Radio-, Film-, Fernseh- und die Internetbranche, und zwar

from a freely accessible channel to one strictly controlled by a single corporation or cartel—from open to closed system.

Da ist es gefallen, das Stichwort des geschlossenen Systems. Dem diesen Seinszustand mit metaphysischer Schicksalswucht aneilenden Entwicklungszyklus (“the Cycle”) stünden zwar gegenläufige Kräfte im Wege. Da gibt es im Buch einerseits die Schumpetersche “creative destruction”, und andererseits betont Wu die Fähigkeit der “alten” Systeme, innovativ-disruptive Neueintritte aufzusaugen. Wichtig sei insbesondere aber die DNA der Unternehmen, d.h. die ihrem innersten Wesen immanenten, im Zweifel nicht nur freundlichen Wettbewerbsabsichten. Ausführlich und analytisch fassbarer setzt sich Wu in diesem Zusammenhang mit der Rolle der sektorspezifischen Regulierung, des Kartellrechts und des Patentsystems auseinander, denen er zwar kein gutes Zeugnis ausstellt. Er lässt den Leser nicht selten aber mit der Frage zurück: Das war’s? Das war die ganze Analyse, auf der das Gedankengebäude steht?

Mit der Wucht soliden Misstrauens geladen, vertritt Wu als Ergebnis der Betrachtung dann sein inzwischen berühmt-berüchtigtes “separation principle”. Zwischen den einzelnen Schichten der Informationsgesellschaft müsse eine “salutary distance” eingezogen werden, sei die Schaffung von Inhalten, deren Transport über Infrastrukturen und der Zugang bzw. die Venues dafür strikt voneinander zu trennen. Wu wird bereits der Begriff der “net neutrality” zugeschrieben, und das “separation principle” wurde binnen kurzer Zeit zum Wappenbild der Verfechter der Regulierung des Internet i.S. eines radikalen Verbots vertikaler Integration.

Ich habe oben von der persönlichen Sicht Tim Wus geschrieben. Das ist sie auch, und in vielen Büchern und Aufsätzen in Zeitungen und Zeitschriften vorgetragen. Wu ist Professor an der Colombia Law School. Dort aber ruht sein Amt, seitdem er im Februar 2011 einen Beraterposten bei der U.S. Federal Trade Commission angetreten hat. Ob die Umtriebigkeit der FTC in Sachen Internet in jüngster Zeit damit zusammenhängt (Google, Twitter), das weiß mit Sicherheit niemand zu sagen.

Lesen Sie das Buch, es wird zum Klassiker werden. Wenn es Ihnen zu lang ist, hier geht’s zu einem Artikel von Wu im Wall Street Journal, der dasselbe sagt, nur kürzer: “In the Grip of the New Monopolists”. Falls Sie nach Lektüre von The Master Switch aber ein Bedürfnis nach frischer Luft zum Atmen haben, dann klicken Sie sich in diese Rezension in sechs Teilen. Falls nicht, hier können Sie sich Tim Wu ansehen, bei einem Vortrag auf der re:publica 2010 in Berlin und beim Berkman Center, Harvard:

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