Sind geschlossene Systeme kartellrechtlich von Übel?

Dazu hat Hanno Kaiser in der Frühjahrs-Ausgabe der CPI einen lesenswerten Artikel geschrieben: “Are Closed Systems an Antitrust Problem?”. Der Beitrag reibt sich eingangs an begrifflichen Unschärfen – was genau bedeutet “geschlossen”, was “offen” – und nennt aus der Welt von Microsoft und Apple Beispiele dafür, wie uneins die Kritiker “geschlossener” Systeme in deren Einordnung sind:

As an analytical tool the labels “open” and “closed” are of limited utility, because they cannot adequately capture the complexity of selective openness at various layers of a system within their single binary distinction. Addressing the central antitrust issue requires that we move past the “ready labels” and focus on whether specific vertical restraints at all levels result in anti- competitive exclusion and foreclosure.

Anschließend wirft Kaiser die Frage auf (die er später verneint), ob Skepsis gegenüber “geschlossenen” Systemen mit der großzügigen Behandlung vertikaler Bindungen im US-Kartellrecht vereinbar sei; Kaiser ist Rechtsanwalt und praktiziert in den USA. Er vertieft diese Frage vor dem Hintergrund der Eigenart vertikaler Beschränkungen im Rahmen von Plattformen (intra platform), sich vor allem auf den Wettbewerb zwischen Plattformen (inter platform) auswirken zu können:

Vertical integration within platform A can be among the most important competitive differentiators vis-à-vis platform B if it improves the overall value of the platform for all constituents, including the users.

Kaiser konzediert, dass Beschränkungen durch die Plattform für die Plattform wettbewerblich dem Anschein nach widersinnig sind. Denn die mit mehrseitigen Plattformen (Systemen) einhergehenden Netzwerkeffekte mögen es dem Betreiber der Plattform grundsätzlich nahe legen, Beschränkungen nach Möglichkeit aufzugeben. Wenn da nicht externe Effekte wären:

Consider the effects of crowding in a two-sided, low-tech platform setting. An overcrowded nightclub is no fun for male or female patrons—the two constituencies that the venue seeks to connect. To minimize the resulting externalities (as Yogi Berra put it: “No one goes there anymore. It’s too crowded”), nightclubs limit admission and enforce that rule at the door. Now consider the impact of low quality contributions, the negative effects of which are not fully internalized by the contributor. Drunken or rowdy guests spoil the fun for both sides in a nightclub, which is why disorderly patrons are either denied access or are removed once they start being obnoxious. That too is a rule promulgated and enforced by the platform sponsor.

Vor diesem Hintergrund erstellt Kaiser eine Typologie der “intra-platform restraints with inter-platform effects”, teilt sie in fünf Gruppen ein (Qualität, Sicherheit, Privacy, Konsistenz und Technologie) und nennt jeweils Beispiele dafür, warum diesbezügliche Regeln aus Sicht des Betreibers der Plattform und in deren Interesse gerechtfertigt sein können. Später im Artikel kommt Kaiser auf die innere Logik derartiger Regeln zurück, wenn er mit Blick auf Kodak hervorhebt, dass man sie nicht isoliert im Schnappschuss betrachten dürfe, sondern die besondere Verbindung des Nutzers mit der Plattform berücksichtigen müsse:

… users and developers join evolving ecosystems with potentially tens of thousands of contributors and a “platform government” whose job it is to—more or less—actively manage the overall platform path by constantly fine-tuning the rules governing the relationship among the platform constituents …  “Joining a platform” means entering a web of evolving, long-term relationships that jointly create the competitive value of a platform. It is that value that determines the initial platform choices of users and developers and that underwrites their continued support.

Damit bereitet Kaiser den Boden für eine kurze kartellrechtliche Auswertung, die von dem Gedanken geleitet ist, dass sich Verallgemeinerungen verbieten. Es sei nicht der Charakter eines Systems als “geschlossen” oder “offen”, der die kartellrechtliche Analyse leiten dürfe (es gibt in der US-Literatur namhafte Stimmen, die das anders sehen). Insbesondere gebe es keine Vermutung dafür, dass “offene” Systeme für den Wettbewerb inhärent besser seien als “geschlossene”. Vielmehr sei anhand der hergebrachten Kriterien (Marktmacht, Marktabschottung, Effizienzen) im Einzelfall zu prüfen, wie es um die wettbewerblichen Wirkungen im Markt konkret bestellt sei:

There are no shortcuts for a finding of monopoly power.

Dabei hebt Kaiser hervor, dass auch bei Marktmacht der Plattform in ihrem horizontalen Verhältnis zu anderen Plattformen in der Gesamtbetrachtung intern auf Effizienzen in Bezug auf sämtliche Plattformteilnehmer sowie extern auf pro-kompetitive Effekte in Bezug auf rivalisierende Systeme abzustellen sei und bietet folgende Thesen an:

(1) If there is no meaningful inter-platform market power, then regulatory intervention is unwarranted. There is no reason to view intra-platform rules less favorably than other vertical intra-brand restraints.

(2) If there is significant inter-platform market power, then any meaningful competitive effects from the intra-platform rule vis-à-vis the restrained platform constituency should be balanced against (a) benefits that the rule confers upon other platforms constituencies and (b) its positive effects (if any) on inter-platform rivalry.

Der Artikel ist kurz und gut verständlich. Ich empfand ihn als erfrischend, er setzt sich markant ab von dem sich ausbildenden mainstream. Die kartellrechtliche Analyse ist zwar nicht neu. Das tut dem Beitrag, der offenbar als Positionspapier gedacht ist, aber keinen Abbruch. Der Artikel schreibt sich ins Gedächtnis mit einprägsamen Formulierungen wie dieser:

Walled gardens generally benefit their environments—both in the real world and the digital realm. The primary purpose of a garden wall, after all, is to shelter plants from wind and frost, not to keep intruders out. In the protected space of the garden, flowers can grow that would not otherwise survive in the wild. Walled gardens thus deliberately create a microcosm that is different from the surrounding ecosystem. Therefore, as long as the garden does not take over the entire ecosystem, walled gardens increase, not reduce, overall diversity. From a competition policy perspective, enjoying the fruits of a walled garden is generally not a guilty pleasure.

Vielleicht etwas blumig geraten, um im Bild zu bleiben. Aber, damit Sie das nicht falsch verstehen, absolut lesenswert. Öffentliche Bekenntnisse dieser Art gibt es nicht viele.

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