Off topic: Multi-Medien-Journalismus auf tausend Media-Business-Design-Akademien mit Video-Journalismus-Interview-Lehrgängen und Irgendwas-mit-Medien-Blogs

Richtig, das geht Kartellblog. rein gar nichts an. Aber hinter Kartellblog. steht ein Mensch, und der liest Zeitung.

Panta rhei

Worum geht’s? Um Journalismus im Zeitalter der Social Media. Ich beneide die Journalisten nicht. Zeitungen berichten allenthalben über die Streichungen bei Redaktionsbesetzungen und -budgets. Aber die Zeitung liegt jeden Tag am Kiosk. Zeitungen werden also gemacht von immer weniger Leuten mit immer weniger Zeit zum Zeitungmachen.

Aber wie? Die Vermutung: Journalistische Arbeit läuft nicht mehr so ab, wie sie vor drei oder vielleicht fünf Jahren abgelaufen ist. Eine Mischung von kaufmännischem Druck – keine Sorge, in Kanzleien kennt man den gut – und verbesserter Informationstechnologie – da hinken wir Anwälte gern mal hinterher – muss da etwas geändert haben. Wenn nicht, hätten die Leute in den Redaktionen sich früher mit Däumchendrehen beschäftigt.

Was hat sich geändert? Von außen gesehen, drei Dinge:

  • Fakt 1: Ich kann gut recherchierte Artikel nicht mehr nur in der Zeitung lesen, sondern auch in Blogs. Es fällt mir schwer, an die Legitimität einer Diskussion darüber, ob das wirklich so ist, zu glauben. Ich tue es jeden Tag, mit Gewinn. Period.
  • Fakt 2: Ich lese Nachrichten zu mir wichtigen Themen über Twitter aus mehreren Quellen und vergleiche sie. Natürlich war der Vergleich immer möglich, er fiel aber ungleich schwerer. Qualitätsunterschiede treten schneller zu Tage, auch der unschöne Sachverhalt, wie sehr Texte sich gleichen können (und das nicht nur, wenn sie aus ein und demselben Medienkonzen stammen).
  • Fakt 3: Ich lese in der Zeitung von Dingen, die ich zwei oder drei Tage zuvor auf Twitter gesehen habe: Thema samt wertender Anarbeitung und verlinkter Dokumentation.

Also, gibt es das, einen Wandel vom “Print-Journalisten” zum Social Media-Manager? Woher würden Sie und ich das wissen. Wir kennen nur die Symptome (siehe oben). Aber es gibt ein Indiz für den Wandel: Dass er vehement bestritten wird.

Hier eine handvoll Trouvaillen zum Thema. Vielleicht finden auch Sie solche Fundstücke interessant:

  • Stefan Niggemeiers falsche Freunde
  • Bern Neumanns Intelligenz der Vielen
  • Holger Schmidts Impact
  • Cisions Self-Promotion
  • Wolfgang Michaels Stresstest und
  • Dirk von Gehlens Twittology

1.  Stefan Niggemeier, “Falsche Freunde”, 23. September 2010

Ich flechte wieder mein Caveat ein: Ich habe keinen Einblick in die Ökonomie eines Redaktionsalltags (von fusionskontrollrechtlichen Ausflügen abgesehen). Aber das hier klingt für mich überzeugend:

Der Print-Journalismus ist dem Online-Journalismus nur insofern überlegen, als der Print-Journalismus jahrzehntelang ein lukratives Geschäftsmodell hatte, das dafür sorgte, dass Redaktionen gut ausgestattet wurden und sich relative hohe Standards entwickeln konnten. Dass auf sueddeutsche.de oder „Welt Online” Artikel stehen, die es nie in die gedruckte „Süddeutsche Zeitung” oder „Welt” schaffen würden, hat nichts mit dem Medium an sich zu tun, sondern allein damit, wie es die Verlage behandeln.

Es sei eben nicht klar,

[w]arum Journalismus in digitaler Form nicht genauso, nein: viel mehr in die Tiefe gehen können soll wie auf Papier gedruckt. Und warum investigative Recherchen eine Domäne des Print-Journalismus bleiben soll. Richtig ist: Bislang ermöglicht das Geschäftsmodell der Zeitungen lange, gründliche Recherchen. Richtig ist aber auch: Dieses Geschäftsmodell ist akut bedroht, weil die Menschen und die Werbung ins Internet gehen.

Niggemann reibt sich da (zu Recht, wie ich denke) an

2.  Staatsminister Bernd Neumann, Rede anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Akademie für Publizistik, 20. September 2010

und verlinkt zum Redetext. Freuden des Internet:

Apologeten der reinen Netzwelt haben auch auf diese Frage eine systemimmanente Antwort: Unabhängige Blogger und kollektive Schwarmintelligenz sollen professionellen Journalismus zumindest zu weiten Teilen ersetzen.

Daran dürften jedoch erhebliche Zweifel angebracht sein: Der altruistisch-souveräne Blogger ist und bleibt eine singuläre Erscheinung – ein Wassertropfen im Ozean des Netzes. Die Intelligenz der Vielen mag zwar manches Interessante und Wichtige hervorbringen, ein stets verlässlicher Gradmesser für Relevanz und Validität von Informationen und Bewertungen ist sie aber nach den bisherigen Erkenntnissen zweifellos nicht.

Wenn das der Schriftsatz eines Anwalts wäre, würde ich mir denken: Der Mann schreibt sich polemisch über den Schwachpunkt seiner Argumentation hinweg. Und als Demokrat liest man Sätze nicht gern, in denen wir (Sie) angerempelt werden, wenn auch auf elegante Weise.

Ich halte noch einmal dagegen: Die Informationen, die ich Blogs und Tweets über Vorgänge in Brüssel entnehme, schaffen es kaum je in eine deutsche Zeitung. Also lese ich nicht Zeitung, um mich über die EU zu informieren. Dann ist es insofern egal, ob sie von Qualitäts-Print-Hohe-Schule-Journalisten gemacht wird oder nicht.

Ich hatte beim Lesen des Redetextes das Gefühl, dass er kontrafaktisch ist. Zum Glück gibt es den unentwegten

3.  Holger Schmidt, “The Impact of Social Media on Journalism and PR”

Er schließt dort so:

The realtime internet is there and it won’t go away anymore.

Schmidt trägt schöne Daten auf, die belegen, wie vieles wächst und manches nun ganz anders ist. Nicht zuletzt wegen Twitter, wo der Autor ausweislich seiner Präsentation ungekrönter König der Journalisten-Zunft ist.
Journalism and PR 2.0

Schmidt schreibt auch:

More and more journalists use Social Media, because their readers are there.

Das scheint mir eine etwas euphemistische Umschreibung für eine Seitwärtsbewegung zu sein, “cutting out the middleman”. Daran ist bestimmt nichts Falsches. Sie belegt aber die Bedeutung der Social Media nur für die Output-Seite. In diese Richtung geht auch

4.  Cision / University of Sunderland, “2010 Survey on Social Journalism”, 10. September 2010

(Das Executive Summary ist kostenfrei). Cision hat auf Grundlage von 549 Befragungen von Journalisten in Großbritannien, Frankreich und Deutschland festgestellt, dass Journalisten – jedenfalls lese ich das so – Social Media komplementär nutzen (klar, wer nicht) und das Internet eher zur Absicherung der Fakten als zur Ermittlung heranziehen (wobei die Deutschen in Wikipedia ganz besonders vernarrt sind).

Und dass Social Media vor allem in der Vermarktung zum Tragen kommen:

Our survey firmly suggests that social media’s prime purpose in journalism comes in the promotion of their work … 54 per cent of UK journalists indicated that microblogging and social networking were among their main channels for distributing their work. There was a greater reliance on social networking in Germany and France, where attitudes toward Twitter appear more suspicious, but the picture was much the same. This self-promotion suggests that the longstanding entrepreneurial nature of journalism is perhaps becoming more pronounced amid the uncertainty that clouds the industry.

Die Nutzung verteilt sich beim “fact checking” laut Studie so:

Öl auf die Wellen:

Certainly most journalists would welcome some trustworthy professionalism in social media:

66 per cent of respondents stated that information delivered via social media is slightly or much less reliable than that delivered by other channels, with only 5 per cent considering it more reliable – statistics that go some way toward explaining the journalists’ fondness for selfpromotion ahead of sourcing and validating.

The kind of problems one would expect surfaced in responses from all three countries: lack of accountability, anonymity, and relevance.

Dennoch, ist der “Wandel” Realität? Falls nicht, warum würde man sich dann in der Diskursform des Wandels schulen lassen?

Offenbar werden Journalisten, wie wir Anwälte, von Social Media Consultants belagert. So jedenfalls der Wutausbruch von

5.  Wolfgang Michael, “Medien-Stresstest”, 23. September 2010

aus dem ich den Titel dieses Posts gemopst habe. Er schreibt:

Qualitätsjournalisten veranstalten gefühlt alle drei Minuten Qualitäts-Journalisten-Reporter-Netzwerk-Workshops oder diskutieren mit Qualitätsjournalismusexperten auf Medientagen und Stiftungsforenkongressdisputen keynotespeaker-mäßig und impuls-referatig Gegenwart und Zukunft des Multi-Medien-Journalismus, nicht zu vergessen die tausend Media-Business-Design-Akademien und die 500 Euro teuren Video-Journalismus-Interview-Lehrgänge politischer, kirchlicher oder projektbezogener Stiftungen – und all die Legionen von Medienblogs oder Irgendwas-mit-Medien-Blogs, in denen Journalisten und beratende Journalisten und journalistische Beratungsjournalisten mit Medienexperten die Online-Strategien des Qualitäts-Journalismus durchexerzieren, bis die Laptops qualmen und die Leser den Qualitäts-Multimedia-Diskurs so was von über haben, dass die Mastermedien-Bachelor-Absolventen im Rahmen ihrer Spezialmediadesign-Ausbildung (oder nach Teilnahme an einer der zig Millionen Frühling-Sommer-Herbst-und-Winterakademien) dazu verdonnert werden, Hauptseminar-Surveys unter Web-2.0-Journalisten zu veranstalten, in denen herausgefunden werden soll, warum der digitale Graben immer breiter, tiefer und länger wird…

Und stellt eine lustige Vermutung an:

Vielleicht gewinnen ja all die weitergebildeten Gelegenheitsqualitätsjournalisten, Bürgervideoreporter, Flipboard-Ergänzungs-Dienstleister, Social-Media-Kontextgeber und User-Generated-Content-Experten durch die Rationalisierungsprozesse der Medienbranche ausreichend Zeit, in Zukunft ganztägig auf Stiftungspodien und Livestream-Konferenzen in der Micromedia-Academy von Klein-Breetzendorf oder in der Media-Management-Sektion der Hamburg School of Business Administration oder im Master-of-Science-Abschluss-Panel der Rüsselsheimer Culture-University darüber zu diskutieren, wie die Ergebnisse der letzten Irgendwas-mit-Medien-Stresstests zu bewerten sind…

6.  Dirk von Gehlen, “Sie werden diesen Prozess nicht stoppen”, 20. September 2010

Diesen Selbst-Entleibungs-Artikel im Redaktionsblog von jetzt.de (SZ) habe ich im Blog schon angesprochen. SZ_Digital hat ihn auf Twitter so kommentiert:

Da muss der Kollege @dvg aber einiges erklären. Da lobt er dieses seltsame Twitter als Journalistentool und jetzt…

Nettes Placement. Ich bin mir sicher, der Mann “erklärt” das gut, auch den anschließenden Twitter-Absturz. Wie er in seinem lesenwerten Blog “Digitale Notizen” viele andere Dinge gut erklärt.

Panta rhei. Aber, wie gesagt, off topic; ich lasse mich gern eines Besseren belehren.

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