Nicht gackern, sondern Eier legen

FAZ.NET hat einen Artikel im Netz, in dem Katja Gelinsky dankenswerterweise die Kultur verfassungsrechtlicher Blogs der USA kritisch mit Deutschland vergleicht (“So wahr mir Blog helfe”). Vor allem mit SCOTUSblog, es scheint, die Autorin hatte eine Audienz. (Einwurf: Dieser Blog soll laut FAZ angeblich $ 150.000 p.a. kosten. Verstehe ich nicht. Schließt das die monetarisierte Anwaltszeit der Autoren sein?)

Der Untertitel in der FAZ:

Wie öffentlich darf das Verfassungsrecht sein? Warum amerikanische Juristen gerne bloggen und deutsche nicht, verrät etwas über die Rechtskulturen in beiden Staaten. Und über die Debattenkultur.

Der FAZ-Artikel erregt Anstoß. Ferner-Alsdorf bemüht sich um eine Ehrenrettung. Er stellt fest:

Und für mich liegt auch eben hier der Hase begraben. So ist im Artikel zu lesen:

“Dass deutsche Rechtsprofessoren lieber an wissenschaftlichen Beiträgen feilen, als Blogkommentare zu schreiben, führen Möllers und Lepsius auf grundsätzliche Unterschiede des verfassungsrechtlichen Diskurses diesseits und jenseits des Atlantiks zurück.”

Diese grundsätzlichen Unterschiede lernt jeder Student der Rechtswissenschaften bei seiner ersten Hausarbeit: Es geht um zitierfähige Quellen. Ein deutscher Jurist darf in seiner Ausbildung, von der ersten bis zur letzten schriftlichen Arbeit, nur zitieren, was auch “zitierfähig” ist. Was genau “Zitierfähig” ist, das findet man bestenfalls grob umschrieben und lässt sich zusammenfassen mit “Es muss gedruckt, gebunden und am besten mit einem bekannten Namen versehen sein”. Das ist der Grund, warum der großteil der Jura-Studenten in Deutschland zwar erfolgreich mit Skripten lernt, in Hausarbeiten aber dann nur aus Lehrbüchern zitiert – in die man teilweise erst zur Hausarbeit zum ersten Mal geblickt hat.

Dazu zwei Kommentare, leider ist für Kartellblog. heute wenig Zeit:

Erstens, wenn es ein Land gibt, das unter dem Joch von Zitierregeln ächzt, dann sind das die USA. Nicht nur bei den Formalien. Wer einmal in die amerikanische Zitierbibel Bluebook geblickt hat, wird sie mit Empörung in die nächstbeste Ecke geworfen haben. Sondern auch in Bezug auf die Respektabilität der Quellen. Dass es US-amerikanische Blawgs, sehr wenige übrigens, in die akademische Literatur und Gerichtsentscheidungen geschafft haben, liegt nur an einem: ihrem Niveau. Beständig, über viele Jahre.

Zweitens, natürlich gibt es in Deutschland Blawgs wie Sand am Meer. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist der das Bild prägende Zuschnitt deutscher Anwaltsblogs. Um das vorweg zu sagen: Das ist keine Kritik. Ich lese die Spaßblogs selbst sehr gerne. Ich fühle mich gut unterhalten dabei. Der Staatsanwalt hat heute wieder etwas Lustiges gesagt; ich lache mit. Gut, dass es solche Blogs gibt.

Darüber schreibt Gelinsky aber nicht. Sie schreibt über Blawgs, die darauf zugeschnitten sind und den Anspruch auch erfüllen, sich in den öffentlichen und/oder akademischen Verfassungsdiskurs der USA einzumischen und diesen mitzuprägen.

Die Gründe dafür, dass es in deutschen Blogs weniger Lesenswertes über verfassungsrechtliche Themen gibt als in den USA, sind vermutlich sehr viel einfacher als Fragen der Zitiertechnik. Allgemeiner: Könnte die Spärlichkeit von Zitierverweisen auf deutsche Blawgs nicht schlicht damit zusammenhängen, dass es in Blawgs wenig zitierenswerten Content gibt? Und: Wenn ein Blogautor das Handwerk nicht hat und das Niveau nicht hält, die erforderlich wären, um ein Thema in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu platzieren, sollte er sich nicht wundern, wenn er von in wissenschaftlichen Zeitschriften publizierenden Autoren nicht aufgegriffen wird. Das ist in den USA nicht anders.

In einem Punkt gebe ich Herrn Ferner recht. Der FAZ-Artikel ist dünn. Er liest sich … wie aus einem Lifestyle-Blawg. Aber, wie gesagt, off topic; ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Und gedanklich ein Sorry in Richtung Herrn Ferners, dessen Blog und Tweets ich gerne lese.

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